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Wie trifft die VW-Krise das Autoland Sachsen?

Chemnitz Automotive Institute (CATI) äußert sich zu den Auswirkungen des Diesel-Desasters bei Volkswagen auf die Region – Panikmache sei unangebracht

Volkswagen hat in den letzten Tagen durch die Täuschung ihrer Kunden und der Öffentlichkeit Schaden genommen. Die Marke Volkswagen ist in ihrem Image als Garant für Qualitätsprodukte beschädigt, und das ist aus Sicht des Chemnitz Automotive Institute (CATI) dramatisch – auch für Mitarbeiter des Automobilkonzerns und vieler Zulieferer. Prof. Dr. Werner Olle, Direktoriumsmitglied des Chemnitz Automotive Institute (CATI), äußert sich zu den Auswirkungen des Diesel-Desasters bei Volkswagen auf die Region.

Welche konkreten Auswirkungen erwartet CATI?

Im Kern wird es zunächst um Auswirkungen beim Absatz und beim Ertrag gehen. Mit Blick auf den Absatz lässt sich schon jetzt sagen, dass sich VW auf dem strategisch wichtigen US-Markt einen Bärendienst erwiesen hat. Hier ist mit Umsatzeinbußen zu rechnen. Von anderen, nicht vergleichbaren Vorgängen anderer Hersteller auf dem US-Markt wissen wir, dass der Image-Verlust über Jahre nachwirkt. Dafür sorgt schon eine Klagewelle, deren juristische Bewertung und Entscheidung sich über Jahre hinziehen wird. Das zweite Risiko ist, dass insgesamt der Absatz von Dieselfahrzeugen Schaden nehmen wird und sich zumindest temporär rückläufig entwickeln wird. Und dies nicht nur auf dem US-Markt mit einem Diesel-Anteil von weniger als fünf Prozent, sondern in Märkten wie Deutschland bzw. Europa mit Anteilen um die 50Prozent bei den Neuzulassungen. Hierzu gibt es bereits auf Online-Plattformen für den Neuwagen-Kauf in Deutschland aus den letzten Tagen erste Signale. Und schließlich kommt dann noch die große Unbekannte – der Imageschaden – hinzu. Wechseln VW-Diesel-Kunden zu Benzinern, oder wechselt auch ein Teil von VW-Kunden die Marke? Unter dem Strich erwarten wir zumindest für die nächsten Monate eine Belastung der Absatzzahlen der Marke VW.

Und wie beurteilen Sie die Auswirkungen auf den Ertrag?

Das beherrschende Thema der letzten Tage sind die finanziellen Belastungen für VW. Im Raum stehen zweistellige Milliardenbeträge für Korrekturmaßnahmen, für Strafzahlungen und für Kundenforderungen. Dies und die zu erwartenden Belastungen des Absatzes werden die Erträge von VW nicht nur in den nächsten Monaten, sondern in den nächsten zwei bis drei Jahren belasten.

Was bedeutet dies für die drei VW-Standorte in Sachsen?

Bei den Belastungen, die auf VW insgesamt zukommen, wird keine Region von den Folgen verschont bleiben. Auch nicht das Autoland Sachsen, für das Volkswagen mit seinen 10.000 Mitarbeitern an drei Standorten eine so immens hohe Bedeutung hat. Im Motorenwerk Chemnitz, das ausschließlich Otto-Motoren mit unterschiedlichen Einspritz-Technogien im unteren Hubraumbereich sowie Baugruppen für Diesel-Motoren herstellt, werden die Auswirkungen sehr begrenzt bleiben. Der Standort hat als Anlaufstandort für Produktinnovationen zudem eine hohe überregionale Bedeutung in der Marke VW. Im Fahrzeugwerk in Zwickau werden im Golf- und Passat-Segment Fahrzeuge mit Benzin- und Dieselmotoren produziert entsprechend der Werksbelegung durch die Marke VW. Wir befürchten, dass durch die Auswirkungen des Abgasskandals auf den Absatz die ehrgeizigen Ziele beim Fahrzeugvolumen des laufenden Jahres nicht erreicht werden können. Weitergehende Prognosen kann man gegenwärtig seriös nicht abgeben. Nicht zu unterschätzen sind Auswirkungen für alle Standorte und Regionen aus den Kostenbelastungen für VW und damit geringeren Erträgen. Als daraus resultierende Folgewirkung erwarten wir, dass neue und noch nicht begonnene bzw. beauftragte Investitionsvorhaben erneut auf den Prüfstand gestellt werden. Dies könnte auch zu schmerzlichen Korrekturen bei Neuvorhaben in der Region führen.

Was haben VW-Lieferanten in der Region zu erwarten?

70 bis 75 Prozent der Wertschöpfung eines Autos verantwortet heute die Zulieferindustrie. Dies ist auch bei Volkswagen der Fall. Die Lieferanten werden daher zwangsläufig Folgen zu spüren bekommen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens beim Umsatz. Wenn VW aus den genannten Gründen Absatzbelastungen erfahren wird, und davon gehen wir für die nächsten Monate aus, dann werden auch die Zulieferer reduzierte Abrufzahlen erhalten. Auch ihr Produktionsvolumen wird dadurch geschmälert. Zweitens beim Ertrag. Durch die immensen Kostenbelastungen, die auf VW zukommen, wird sicherlich der Kostendruck auf die Zulieferindustrie in bestehenden oder neuen Optimierungsprogrammen nicht geringer werden. Auch Engineerings- und Planungsdienstleister, die an Neuvorhaben beteiligt sind, könnten Auswirkungen zu spüren bekommen. Für Sachsen hat dies ebenfalls eine immense Bedeutung, da hier zwischen 20 und 25.000 Mitarbeitern bei Zulieferern beschäftigt sind, die für Volkswagen arbeiten.

Muss man durch die VW-Krise eine Automobilkrise in Sachsen befürchten?

Auf der einen Seite muss man realistisch sein, dass der Markt – dazu zählen auch die VW-Kunden – und die Politik nicht locker zur Tagesordnung übergehen werden und binnen kurzem wieder alles beim Alten ist. Dies wird nicht eintreten. Auf der anderen Seite ist aber auch Panikmache völlig unangebracht. Nach unserer Einschätzung wird sehr, sehr viel davon abhängen, wie rasch und schonungslos Volkswagen Aufklärung betreibt und nachhaltig sicherstellt, dass Missbrauch und Manipulation künftig systematisch ausgeschlossen sind. Dies hat zunächst einmal eine hohe interne Bedeutung. Denn auch die Mitarbeiter warten auf Klarheit und Nachhaltigkeit. Wenn dies gelingt, hat Volkswagen allemal das Potential, zu alter Stärke zurückzufinden. Auch der Markt wird hierauf nach einer gewissen Zeit positiv reagieren. Die VW-Krise wird in Sachsen nicht zu einer Automobilkrise ausufern. Davon sind wir am CATI-Institut überzeugt. Aber es stehen der Region zwei bis drei Jahre mit erheblichen Herausforderungen bevor.

Welche weiteren Themen werden als Folge des VW Abgasskandals erwartet?

Wenn VW in den nächsten wenigen Tagen seiner Aufklärungspflicht nachgekommen ist und die Schockstarre bei allen Beteiligten nachlässt, werden eine ganze Reihe bekannter wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Themen neu diskutiert und gepusht werden: die Veränderung von Prüfverfahren zu Verbrauchs-und Emmissionswerten, die technischen Perspektiven der Diesel-Technologie verbunden mit Subventionierungen des Diesel-Preises und die Beschleunigung alternativer Antriebstechnologien. Wir erwarten eine Veränderung bei den Prüfverfahren im Interesse der Glaubwürdigkeit gegenüber den Verbrauchern, aber keine kurzfristige Beschleunigung im Volumenanstieg, zum Beispiel bei der Elektromobilität.

Hinweis: Ein aktueller Beitrag des MDR-Sachsenspiegels, in dem Prof. Dr. Werner Olle zu Wort kommt, findet sich hier.